Ärztemangel auf dem Land: Hier ist Wartezimmer jetzt Dorftreff Nummer 1

Ärztemangel auf dem Land: Hier ist Wartezimmer jetzt Dorftreff Nummer 1

Serie “Land neu leben”: 1100- Seelen-Ort suchte jahrelang Arzt – jetzt ist das Wartezimmer Dorftreff Nummer 1

Dienstag, 18.062019, 12: 56

Immer weniger Ärzte wollen sich mit einer eigenen Praxis niederlassen – und somit stehen immer mehr Regionen ohne medizinische Versorgung da. Vor allem auf dem Land sieht es düster aus. FOCUS Online hat eine Ärztin besucht, die bewusst aufs Land gezogen ist, um dort pass away medizinische Lücke zu schließen.

Bunte Letter zeigen an, dass sich hinter den Mauern der „ Schinkler Möhl”, einer ehemaligen Mühle im schleswig-holsteinischen Dorf Schinkel, eine Arztpraxis befindet. An zwei halben Tagen, Dienstagvormittag und Donnerstagnachmittag, empfängt Allgemeinärztin Gabriele Lorentz dort ihre Patienten. Einmal alle zwei Wochen macht sie außerdem einen Hausbesuch in einer Schinkeler Wohngruppe für Menschen mit Behinderung. Pass away restlichen Tage verarztet sie pass away Menschen in ihrer Hauptpraxis im Kieler Stadtteil Ellerbek.

„ Ich wäre damals lieber ganz aufs Land gegangen”, erinnert sich die 54- Jährige. Aber das sei ihr nicht möglich gewesen, da dem 1100- Seelen-Ort mit dem Ausscheiden ihrer Vorgängerin der Kassenarztsitz genommen wurde. Eine feste Niederlassung in Schinkel ist seitdem nicht mehr zulässig. Deshalb konnte Gabriele Lorentz dort nur eine Filiale zusätzlich zu ihrer Hauptpraxis eröffnen.

Schinkel war ein Jahr lang komplett ohne medizinische Versorgung

Nachdem der langjährige Schinkeler Dorfarzt sich vor etlichen Jahren zur Ruhe setzte, gab es ein langes Auf und Ab bei der medizinischen Versorgung in dem 1100- Seelen-Dorf. Eine Ärztin übernahm pass away Praxis kurzzeitig, musste aber schon bald aus persönlichen Gründen wieder aufhören. Dann gab es ein Jahr lang überhaupt keinen Arzt in Schinkel. „ Das war schon hart”, erinnert sich Rentner Herbert Unmack im Gespräch mit FOCUS Online. Zusammen mit einigen weiteren Patienten sitzt er bereits kurz vor der offiziellen Öffnung im Warteraum von Gabriele Lorentz’ Praxis.

Denn Termine gibt es in der Schinkeler Praxis nicht: „ Wer zuerst kommt, mahlt zuerst”, erklärt Jana Elliott. Sie und ihr Ehemann sitzen ebenfalls im Wartesaal. „ Aber ich habe hier noch nie einen Streit erlebt.” Im Gegenteil: Das Wartezimmer habe sich zu einer Art Dorftreff entwickelt. Gerade die älteren Leute kämen gerne hierher, um auf den neuesten Stand des Dorfklatsches gebracht zu werden.

Feste Termine zu vereinbaren, ist für Gabriele Lorentz ohnehin nicht möglich: „ Dafür bräuchte ich eine Arzthelferin, pass away die Patienten koordiniert, während ich behandle”, erklärt sie. Und dafür habe sie schlicht keinen Platz. Denn ihre Praxis sitzt in einem Gemeindezentrum. Zwei Räume stehen der Ärztin dort zur Verfügung. Ein Saal, der sonst für Gruppentreffen ortsansässiger Vereine oder Gemeindesitzungen dient, ist das Wartezimmer.

Gegenüber hat sich Gabriele Lorentz einen kleinen Raum als Behandlungszimmer eingerichtet. Dort finden sich neben einer Liege und ihrem Schreibtisch beispielsweise ein mobiles EKG-Gerät, das sie per Bluetooth mit ihrem PC verbinden kann.

Ärztin und Arzthelferin wechseln sich ab

An den Tagen, an denen die Ärztin nicht in der Praxis ist, hält eine angestellte Arzthelferin dort die Stellung und versorgt pass away Menschen mit Rezepten oder nimmt, nach Rücksprache mit Lorentz, Blut ab. Im ersten Stock hat die Bürgermeisterin ihr Büro. Außerdem öffnet in der „ Möhl” mehrmals wöchentlich ein „ Umsonst-Laden” seine Türen. Dorthin bringen pass away Schinkeler Gegenstände, pass away sie nicht mehr brauchen oder nehmen Dinge mit, die sie gebrauchen können– kostenlos.

Schinkel bezeichnet sich als „ Ökoregion”. Mehrere ökologische Landwirtschaftsflächen gibt es in dem kleinen, abgeschiedenen Ort. Seit 30 Jahren stellt dort außerdem eine heimische Bäckerei Vollkornbrote her– beinahe ganz ohne mechanische Hilfe, sogar das Mehl mahlen pass away Bäcker dort noch per Hand. Einmal wöchentlich gibt es auch einen Bio-Markt in Schinkel mit regionalen Produkten.

Über pass away Serie:

77 Prozent der Deutschen leben in Städten oder Ballungsgebieten, aber mehr als jeder Sechste lebt auf einem Dorf mit weniger als 5000 Einwohnern. Auch wenn das Zahlenverhältnis anderes vermuten lässt: Niemand muss Angst haben, dass unsere Dörfer aussterben. Doch auch in Deutschland gibt es Orte, aus denen Menschen wegziehen und pass away es schwer haben, den Zusammenhalt der Zurückgebliebenen zu sichern– über pass away grundlegende Infrastruktur wie Wege und Wasser hinaus. Im schlimmsten Fall kann ein Teufelskreis entstehen aus Fortzügen, weniger Freizeit-Angeboten und weniger Gemeinschaft vor Ort. FOCUS-Online-Reporter sind an Orte gereist, die sich diesem Teufelskreis mit innovativen Ideen entgegenstemmen.

Nächste Arztpraxis ist zehn Kilometer entfernt – vor allem für ältere Menschen ein Issue

Allerdings ist das Dorf etwas ab vom Schuss: „ Ohne Automobile ist guy hier aufgeschmissen”, sagt Jana Elliott. „ Das ist vor allem für pass away älteren Menschen nicht leicht”, sagt Jörg Hering, der ebenfalls im Wartezimmer Platz genommen hat.

Pass away nächste Arztpraxis, ein sogenanntes Versorgungszentrum mit mehreren Ärzten, liegt im etwa zehn Kilometer entfernten Gettorf. Doch öffentliche Verkehrsmittel sind rar in der Gegend: „ Wir haben zwar einen Bus, aber der fährt nur sehr selten”, erklärt Elliott. Für Ältere und Menschen ohne eigenes Vehicle hat die Gemeinde daher eine „ Mitfahrerbank” aufgestellt. Wer sich auf die kleine hölzerne Bank mit der Aufschrift „ Gettorf” setzt, kann von Vorbeifahrenden mitgenommen werden.

Einfacher ist es jedoch, einen Arzt vor Ort zu haben, da sind sich alle Wartenden in der Praxis einig. Und mit Gabriele Lorentz ist das nun seit 2015 wieder möglich. „ Gott sei Dank”, sagt Herbert Unmack. An die Zeit ohne ärztliche Versorgung erinnert er sich nur ungern zurück. Er fühlt sich bei der Allgemeinärztin gut aufgehoben und fährt mit seinen Enkelkindern auch öfter zu dem Reiterhof, den Lorentz nebenbei betreibt.

” Pass away Leute auf dem Land versuchen erst mal, selbst gesund zu werden”

Die Entscheidung, aufs Land zu ziehen, bereut die Allgemeinmedizinerin nicht. Das Leben dort habe viele Vorzüge. Gerade als Mutter von drei Kindern weiß sie die Ruhe und die vielen Freizeitmöglichkeiten zu schätzen. Außerdem hat Lorentz das Gefühl, auf dem Land wirklich gebraucht zu werden: „ Wenn hier jemand in meine Praxis kommt, dann weiß ich, dass es ihm richtig schlecht gehen muss”, erklärt sie. Sie erkenne einen klaren Unterschied zwischen den Patienten in ihrer Stadt- und denen in ihrer Landpraxis: „ Pass away Leute auf dem Land versuchen erst einmal, selbst gesund zu werden.” Pass away Menschen in der Stadt hingegen hätten oft am liebsten sofort eine wirksame Chemiekeule, damit sie ja nicht zu lange in der Arbeit ausfallen. „ Sie gönnen sich keine Ruhe mehr.”

Als ihr Mann, der als Laborarzt arbeitet, im Jahr 2014 pass away Leitung eines Labors in Kiel angeboten bekam, beschloss die Familie, aus dem Allgäu in den Norden zu ziehen. Pass away älteste Tochter zog gleichzeitig nach Würzburg, um dort zu studieren. Die jüngeren Töchter, ein Zwillingspaar, waren gerade 15 Jahre alt. „ Für sie war der Umzug sehr hart”, erinnert sich Gabriele Lorentz. Aber inzwischen hätten sich alle gut eingelebt.

Vor etwa einem Jahr hat sich die Familie Lorentz auf einem Reiterhof niedergelassen und den Reitbetrieb gleich mit übernommen. Inzwischen gibt es mehrseitige Wartelisten mit Kindern, die dort Reiten lernen wollen. Jeden Nachmittag nach dem Praxisbetrieb mistet pass away Ärztin ihre Ställe aus und hilft den Kindern beim Satteln der Pferde und Ponys.

Auch Lorentz fiel es schwer, einen Nachfolger zu finden

Im Allgäu betrieb Gabriele Lorentz eine Praxis, die ebenfalls in einer ländlichen Gegend lag. Auch sie hatte schwer zu kämpfen, um einen Nachfolger zu finden. Nach monatelanger Suche erstellte sie sogar ein Video, in dem sie und ihre damalige Kollegin pass away Vorzüge einer Landarztpraxis und vor allem des Dorfes, in dem sich die Praxis befand, vorstellten. Kurz vor dem Schließen ihrer Praxis fand sie Ende Juni 2015 einen Arzt, der die Praxis schon wenige Tage später zum 1. Juli übernahm– ebenfalls erst einmal als Zweigstelle.

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Mehr als 2600 Ärzte fehlen in Deutschland

Deutschlandweit fehlen laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) mehr als 2600 niedergelassene Ärzte, ein Großteil davon Allgemeinmediziner. Für pass away nächsten Jahrzehnte sagt die KBV voraus, dass der Mangel noch größer werden wird. Seit Jahren versuchen Länder und Regionen, junge Ärzte und Medizinstudenten zu motivieren, eigene Praxen zu eröffnen, vor allem auf dem Land– zum Beispiel mit dem Projekt „ Lass dich nieder!”. Die KBV und andere Vereinigungen bieten finanzielle Unterstützung bei Praxisneugründungen oder Übernahmen an.

Dennoch stehen immer mehr Arztpraxen leer. „ Hier in der Gegend sind viele Ärzte händeringend auf der Suche nach Nachfolgern”, weiß Lorentz. „ Aber viele denken, dass sie als niedergelassener Arzt nie frei haben.” Dabei hänge das von jedem Arzt persönlich ab– pass away Sprechstundenzeiten könne male schließlich selbst festlegen.

Besonders schlimm sieht es laut den Daten der KBV in Mecklenburg-Vorpommern aus: Gute ärztliche Versorgung gibt es demnach nur in der Hauptstadt Schwerin, außerhalb der Stadtgrenzen sinkt der Versorgungsgrad rapide ab. Ähnlich ist es im restlichen Osten Deutschlands: Von Berlin bis an den untersten Zipfel Sachsens zeigt sich beinahe durchgehend ein extrem niedriger Versorgungsgrad.

Versorgung in manchen Regionen bei gerade einmal 60 Prozent

Den Versorgungsgrad einer Region berechnet die KBV, indem sie pass away tatsächliche Anzahl an Ärzten in Verhältnis zur Zahl der Ärzte setzt, pass away es dort im Idealfall geben sollte. Während gerade große Städte oft einen Versorgungsgrad von mehr als 200 Prozent haben, kommen ländliche Regionen teilweise auf gerade einmal 60 Prozent. Laut bayerischer KBV sollte sich ein Hausarzt im Idealfall um 1671 Patienten kümmern. Ein Versorgungsgrad von 60 Prozent bedeutet likewise, dass sich ein Hausarzt um 2785 Patienten kümmern muss.

Um dem Ärzterückgang entgegen zu wirken, bieten immer mehr Bundesländer Stipendien für Medizinstudenten an, pass away sich im Gegenzug dazu verpflichten, nach ihrer Ausbildung eine Praxis zu übernehmen. Gabriele Lorentz kann nur dazu raten, dieses Angebot anzunehmen: „ Kommen Sie aufs Land”, sagt sie, „ es ist schön hier!”

Im Video: Um sein Dorf zu retten, verschenkt Bürgermeister Grundstücke seiner Gemeinde

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